Der Helsinki-Report  

 
Meinungsverschiedenheiten

Das Wetter (nein, das wird kein Wetterreport, nur eine notwendige Vorbemerkung) hier wird zunehmend besser. Das soll heißen, es gibt stundenlang Sonne, es wird schon in der Früh hell - und es schneit nicht. Nicht mehr genauer gesagt. Nicht mehr seit einigen Tagen, um ganz genau zu sein. Doch ist's noch nicht so lange her, daß Frau Holle aktiv war. Um die Sache auf den Punkt zu bringen: Bei -15 bis -5 Grad schmilzt der Schnee nicht, er wird nur zusammengepreßt - und vielleicht zu Mittag in der prallen Sonne, bei rekordverdächtigen plus 0.5 Grad taut er ein wenig auf, um sich Minuten später in eine perfekten Eisschicht zu verwandeln. Natuerlich nur auf den von mir benutzten Wegen...

So hat es sich vor einigen Tagen zugetragen, daß ich wie jeden Tag in der Frueh auf die Uni geradelt bin. An einer der schönsten Stellen des Weges passierte es. Plötzlich. Unerklärlich. Unvorhersehbar. Nichts ließ sich voraussagen. Ich fahre ganz friedlich eine kleine, wunderschöne Holzbruecke (nur für Radfahrer und Fußgänger) hinauf, dann auf der anderen Seite hinunter. Danach eine kleine Kurve nach links. Bis dahin ist es nie vorgekommen. Nie. Ich hätte es auch nicht geglaubt. Mein Fahrrad hat ein eigenes Bewußtsein! Es denkt! (Naja, zugegeben: nicht sehr weit, aber es denkt!) Es will plötzlich frei, unabhängig sein. Nicht mehr meinem, sondern nur noch seinem Willen gehorchen. Selber die Welt erobern. Nur: Wir hätten darüber reden können. Aber bitte doch nicht so!

Mitten in der Kurve, ich gebe gerade das Kommando "Links!" (na ja, per Lenkung, ich hab' ja noch nicht gewußt, wie intelligent und begabt mein Fahrrad ist) - da entscheidet es sich anders. In Sekundenbruchteilen spielt sich ein geradezu epochaler Dialog ab, der erste in der Geschichte der Menschheit mit einem Fahrrad - und das bei Geschwindigkeit 25 (km/h):

Fahrrad: "Gerade!"
Ich: Was, gerade? Blödsinn. "Links!"
Fahrrad: Kommt gar nicht in Frage. "Ohne mich!"
Ich: Spinnt es jetzt total? "He!"
Fahrrad: "Brrmmmmm"
Ich: Sccchhhhhhh.... Bumm!

Bumm! Das gibt's ja nicht! Ich bumm! Aber Moment! Moment! Ah, jetzt! Fahrrad auch bumm! Haha! Das hat es jetzt davon! Aber halt. Da spür ich doch was. Na ja, besser als gar nichts mehr spüren. Vielleicht, aber das tut weh! Na kein Wunder, ich mu&ß ja unbedingt auf das Eis fallen (siehe Anfang des Artikels)! Aber immerhin: Ich war konsequent, hab' mich nicht von meinem Fahrrad diktieren lassen. Ich bin in der Kurve geblieben!

Sorgfätig analysiere ich mich. Und dann das Fahrrad. Und wieder mich. Nein! Das darf ja nicht wahr sein! Nein, nein, nein! Der erste Sturz, und gleich was gebrochen! Aber ich müßte es ja besser wissen. Wie war das mit dem Basketballspielen vor der Romreise in der Schule? Bänderzerrung! Und das Basketballspiele am letzten Tag in Griechenland? Bändereinriß. Und natürlich - das Radfahren in Helsinki? Bruch!

Ja, es ist gebrochen, kein Zweifel. Haha! Gebrochen! Ich höre ja schon die anderen sagen: "Recht geschieht's dir!" Ja, genau! Recht geschieht's dir, dummes Fahrrad! Brich Dir nur die Fahrradschloß-Halterung (halterus clausis bykis - für die Velo-Mediziner)! Wer so dumm ist und in einer eisigen Kurve nicht gehorchen will, der muß fühlen.

Aber ich will den werten Leser (scheint so, als hätte ich heute meinen freundlichen Tag) nicht zu sehr in diese Beziehungskrise mit meinem Fahrrad hineinziehen. Tatsache ist, daß wir eine deutliche Aussprache vor Ort hatten. Damit war die Sache erledigt. Das Fahrrad hat sich vorgenommen, mir von nun an immer zu gehorchen, ich auf meiner Seite - ein bisschen entgegenkommen wollte ich ihm ja auch - habe versprochen, das Fahrradschloß ab nun selber zu tragen (im Rucksack). So hat sich dieses Umfallen also doch noch in Wohlgefallen aufgelöst. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann radeln sie noch heute...

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