Der Helsinki-Report |
Die Sache mit der Milch (La chose avec la lait.)
Nun ist es ja schon drei Monate her, dasz ich in Finnland zum ersten Mal einkaufen war. Jetzt, wo alles - naja, vieles - schon selbstverständlich geworden ist, ist es ja fast peinlich, davon zu schreiben.
Also, wenn man irgendwo in irgendeinem fremden Land gelandet ist, wo irgendeine Fremdsprache gesprochen wird, die so gar nichts mit den wohlklingenden Kommunikationsformen der Heimat zu tun hat, und man will irgendwas einkaufen (keine I-Gruppentheorie, Robert!), dann freut man sich doch sehr, wenn der nächstgelegene Supermarkt ein wohlbekannter ist. In meinem Fall Spar. Kein Interspar, aber immerhin ein Spar. An sich ja eine feine Sache. Doch schon beim Betreten wird klar: Das fehlende Inter bedeutet: nix international = nix verstehen.
"Ziehen oder drücken?", lautet die erste Frage. Doch das ist noch nicht so schlimm, schlieszlich schaffe ich es ja auch in Wien nicht, eine Tür beim ersten Versuch zu öffnen - und dort sind die Türen immerhin deutsch beschriftet. Vielleicht sollte ich hier auch die altbewährte Taktik des Auswendiglernens anwenden, um die Sache zu beschleunigen (übrigens: wenn man im Freihaus im gelben Turm mit dem Aufzug in den 4. Stock fährt und von dort in den Computerraum des Numerik-Institutes im grünen Turm will, dann lautet die Losung: "ziehen-drücken-ziehen-ziehen", die Tür des Computerraumes nicht eingeschlossen, denn die ist eh immer offen - oder versperrt).
Aber schon kurz nach dem zweiten Versuch, bei dem die Tür dann offen war, und einer Wiederholung des Experiments (Klar, laszt die Leute nur nicht so schnell hinein in die warme Stube. Drauszen ist's eh nie kälter als -20 Grad.) kommen dann die echten Probleme: noch viel mehr finnische Text überall - und mit "Ziehen-drücken" (bei einer Tür zum Drücken) bzw. "drücken-ziehen" (bei einer Tür zum Ziehen) kommt man dann nicht weit.
Da gibt's dann nur noch eines: den Verstand benutzen. Das an sich ist ja bei einem Mathematiker, der auf die reale Welt losgelassen wird, schon nicht so ohne.
Wer den mathematischen Einschub überspringen will, kommt hier
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| Für die Freaks... Doch schliesslich läszt sich das Einkaufsproblem - wie ein jeder weisz, der bei Prof. Havlicek eine Linag I Vorlesung genossen hat - adequat umformulieren: Man fülle seinen Einkaufswagen (ja, die sind so wie bei uns) mit einem Einkaufsvektor (der ist schon spannender), auf den dann an der finnischen Kassa ein Element des Dualraums angewandt wird, sodasz schliesslich eine rationale Zahl zum Vorschein kommt, um deren Betrag (aber meistens ist die Zahl eh positiv) dann die eigene Brieftasche erleichtert wird. Da ich nun drei Jahre nach der Linag I bei OR (Operations Research) gelandet bin, sehe ich mich genötig hinzuzufügen: Man maximiere seine Nutzenfunktion, die eine Funktion des Einkaufsvektors ist, unter der Bedingung, dasz der Gesamtpreis (jene böse rationale Zahl, von der zuvor die Rede war) das Budget nicht übersteige. Ja, das alles klingt trivial und wird in den entsprechenden Einführungsvorlesungen
meistens im ersten Monat besprochen - aber Aber um ehrlich zu sein, liegt das echte Problem wo anders: Selbst das zugehörige
unbeschränkte Optimierungsproblem ist hochgradig nichttrivial (!). Man weisz zwar, was
den eigenen Nutzen maximiert - aber Somit bleibt nur noch 3., und das ist die ... |
... Sache mit der Milch:
Und die ist die folgende. Nach einiger Zeit habe ich mich - von unzähligen finnischen Sonderangeboten (nur: was ist im Angebot?), schwindelerregenden Preisen und sonderbaren Produkten immer wieder abgelenkt - bis zum Milchregal vorgekämpft. Eigentlich ist das ja gar kein Regal, sondern eine ganze Kühlschrank-Sammlung mit Glastüren. Und diese Glastüren haben den Nachteil, dasz man durch sie in den Kühlschrank hineinsieht. Und während man so in den Kühlschrank schaut und schaut und schaut (und einem schon fast kalt dabei wird), kommt diese böse Vorahnung, die sich alsbald bestätigt: DAS IST ALLES MILCH !!! Nicht, dasz mich jetzt jemand miszversteht - das eben war ein Aufschrei des Entsetzens! Zum besseren Verständnis: Nicht alles, was glänzt, ist Gold - aber alles, was in dieser Kühlschrank-Sammlung steht, ist Milch! Das sind keine 20 verschiedenen Milchprodukte. Das ist nicht Milch und Buttermilch und Sauermilch und Joghurt und was-es-sonst-noch-so-an-flüssigen-Milchprodukten-gibt. Alle diese unzähligen, verschiedenfärbigen, bunten (immerhin!) - und vor allem VERSCHIEDEN TEUREN Packungen enthalten Milch. Ja wie bitte soll man sich da auskennen?
Um allen Glücklichen, die in Österreich Milch kaufen, einen Eindruck von der Vielfalt zu geben: es gibt Milch mit ganz viel Fett, Milch mit 3-Komma-irgendwas % Fett, Milch mit 1% Fett, Milch ohne Fett; dann gibt es diverse Hersteller. Jeder Hersteller verwendet eine andere Farbe für die unterschiedlichen Milche (na ja, Milchsorten halt). Also: bunt, bunt, bunt - aber keine Informtion in der Farbe. Rot kann alles bedeuten - ich glaube, in meinem Fall hat es 1%-Fett-Milch bedeutet. Wem diese Einsicht allzu trivial erscheint, der möge sich doch einmal im Identifizieren finnisch beschriftetet Milchpackerl üben (und sich dafür reichlich Zeit nehmen...) Und dann - und jetzt kommt's - verwenden alle die gleiche Bezeichnung für "Milch". An sich ja eh klar, so wie überall. Aber hat da jemals jemand daran gedacht, dasz man zu jeder "Milch" auch noch das entsprechende Preisschild finden musz?
Die Sache mit der Milch hat aber auch ihre guten Seiten: Man weisz nachher genaustens darüber Bescheid, wieviel Kalorien Milch mit x% Fett hat. Man weiss, wie verschieden 20 baugleiche Tetrapackungen ausschauen können. Man weisz, wie gleich sie sich trotzdem alle anfühlen. Und man lernt die finnischen Einkaufswunderwuzzis schätzen, die zielstrebig auf einen der Kühlschränke aus der Sammlung zugehen und fast blind zielsicher nach der richtigen Packung greifen.
Schlieszlich habe ich - nach Minuten vor den Kühlschränken die Sache mit der Milch aufgegeben, irgendein Milchpackerl (ich glaub, das rote von dem einen Hersteller) genommen bin damit zur Kassa gegangen und hab gezahlt. Später, als ich mir darüber bewuszt wurde, dasz ich nicht einmal den Preis beachtet habe, habe ich auf dem Einkaufszettel nachgeschaut: nur 0.95 FM (Finnmark), d.h. weniger als 2,4 oeS! Unglaublich für einen Liter Milch!
Beim nächsten Einkaufen hat die Sache mit der Milch dann schon anders ausgeschaut: Der Milchpreis wie bei uns (5 FM) - Hyperinflation??? Nein, denn nach genauerem Studium des ersten Einkaufszettels (inkl. Wörterbuch) bin ich draufgekommen, dasz es eigentlich das Sackerl war, das die 0.95 FM gekostet hat...
PS: Belohnt wird die ganze Sache mit der Milch übrigens mit dem typischen Milchgeschmack - nicht schlecht, aber a bissl wenig für den ganzen Aufwand.