Der Helsinki-Report  

Ein Samstag in Helsinki

Es könnte mich ja fast freuen: Angeblich bin ich der erste, der im alljährlichen (oder allsemestrigen?) Forschungsseminar des Institutes eine zweite Präsentation halten darf / muß / soll. In der ersten habe ich einen - für mich persönlich sehr lehrreichen - Überblick über die TU Wien gegeben und dann über meine Diplomarbeit zu erzählen begonnen. Und jetzt darf ich anscheinend dort fortsetzen, wo ich vor vier Wochen aufgehört habe... Sowohl die Redezeit (Wünsche zwischen 45 Minuten und 1,5 Stunden) als auch das Auditorium (einige "Decision Analytiker", vielleicht jemand von der Finnischen Bank, vielleicht Wirtschaftler, vielleicht Studenten) sind präzise wie nur was vorgegeben.

Doch was hat das alles mit dem Wochenende in Helsinki zu tun? Leider eine ganze Menge. Einen nichtleeren Durchschnitt sozusagen. Wer am Montag präsentieren darf und das so rechtzeitig erfährt, daß als Vorbereitungszeit eigentlich nur das Wochenende bleibt - der sollte sich auch nicht wundern, daß es der erste sonnige Samstag seit vier Wochen ist, der für die Arbeit mit dem grenzdebilen Microsoft Formeleditor (igitt!) geopfert werden sollte.
 

  
Für die Freaks... 
Ja, mir graust´s auch vor dem Microsoft-Klumpert, aber wenn man seine Präsentation in Powerpoint vorbereiten soll... Leider hat der Kleinweich Kraftpunkt selbst in der aktuellen Version noch keinen Latex-Support. Na ja, wäre ja nicht wirklich gut vereinbar - und wer sollte es programmieren, damit die Sache so stabil wird wie ein gutes, altes Unix-Latex?  

Zurück zum Wochenende. Also die Sonne scheint (in diesen Breitengraden um diese Jahreszeit leider immer noch keine Selbstverständlichkeit), die Thermometer laufen um die Wette, bis das erste endlich die magische 0-Grad-Grenze durchbricht, schon wenige Mitnuten danach zieht das Verfolgerfeld nach. Doch zu spät, bei +1 Grad ist das Ziel erreicht - die Etappe ist zuende. Das Eis, soferne noch vorhanden, schmilzt vor sich hin. Auch in der waldigen Gegend ist es schon richtig frühlingshaft: Die Birken strahlen weiß, weil endlich wieder einmal Sonnenlicht auf ihre Rinde fällt. Der Boden glänzt dunkelbraun, als wäre er den ganzen Winter im Solarium gewesen. Hie und da sogar etwas Grün - das sind die Nadelbäume. Laub gibt es hier wahrscheinlich ohnehin nur, wenn im Herbst ein starker Wind von Deutschland nach Finnland bläst.

Und inmitten dieser Aufbruchszeit, dieser Stunden voll Spannung und Leben, voll Veränderung und Tatendrang sitze ich auf der Uni. Ein Programmfehler jagt den anderen, Die Programme stürzen ab wie die Lemminge ins Meer. Eines fängt an - und kein anderen läßt sich zweimal bitten zum kollektiven Selbstmord. Trotz der destruktiven, morbilen Stimmung quäle ich meinen Computer weiterhin mit den grausamsten Folterprogrammen aus Kleinweicher Produktion.

Doch die Lebensfülle draußen und die Todesstimmung vor dem Computer - das kann nicht lange gut gehen. Tatsächlich. Ich mußte gar nicht erst vermittelnd eingreifen. Beim nächsten Blick aus dem Fenster war klar, daß der Computer undicht und die Todesstimmung nach draußen gelangt ist: dunkler Himmel, kein Sonnenlicht, Schnee.

Gut, damit wäre der Nachmittag erledigt. Fragt sich, wie man den Abend stilgerecht verbringt. Ein Blick auf das Veranstaltungsprogramm läßt es bereits erahnen, wenngleich man es noch möglichst lange verdrängt... Was gibt es? Das Highlight ist ein Konzert eines bekannten und guter Knabenchores um 18 Uhr. 18 Uhr? Das heißt übersetzt Folie 15 oder 35, 40 Minuten Präsentation. Klar, ist ein gutes Konzert - wie hätte sich das auch ausgehen können?

Weiter im Programm: Konzert in der "Fat Mama". Na ja, klingt sehr mäßig. Für alle Liebhaber irischer Musik eine Liveband in einem Irish Pub, für alle anderen dasselbe in einem anderen Irish Pub. Aha. Dann etwas, das zumindest so wenig geläufig klingt, daß ich es mir nicht gemerkt habe. Doch unsere finnischen Freunde klären mich und den ebenso wochenend-hungrigen Pop auf: Hinter dem unaussprechbaren Namen verbirgt sich ein als Band getarnter Geräuschgenerator für 15jährige. Da sag ich mit den Worten J. Haders ganz ehrlich: Des mmmmuaß i jo ned unbedingt hobn.

Und so scheidet eine Möglichkeit nach der anderen aus (und auch die dritte). Was bleibt, ist die Vision eines Samstagabends in einem überfüllten Pub. Und die Hoffnung darauf, daß es dort auch Orangensaft gibt. (Das betrifft jetzt nur mich, nicht Pop.) Doch dann, plötzlich geht einem ein Licht auf. Man sieht, wovon man nichteinmal geträumt hätte. Plötzlich erkennt man, worauf wirklicher Verlaß ist: auf Microsoft. Ja, ich bin fassungslos. Eben noch darüber geschimpft - und jetzt das. Das einzige, worauf ich mich an diesem Wochenende verlassen konnte, sind die Kleinweichen!

Dieser Formeleditor ist doch wirklich so ein eh schon wissen was (nämlich umständliches Programm) - da braucht man sich nicht wirklich Gedanken darüber machen, was man am Abend unternimmt. So würge ich weiter an der armen Maus herum, die ihr ganzes Leben schon versklavt an jenem Blechtrottel hängt, der sich bedingungslos der kleinweichen Befehlsflut hingibt. Na ja, wenigstens die Tastatur bleibt diesmal verschon...

Irgendwann wird´s dann so öd - nicht öd, sondern ödest. ööööd, öööööd, ööööööd. Öööaahh! Ich glaub schon, ich bin bei Josef Hader und dem Ast in Mainz gelandet. Da hilft nur noch eines (wenn man keinen Ast zum Wegfliegen hat): Shutdown. Gnadenlos. Unbarmherzig. Stirb, du kleinweicher Kraftpunkt!

Nein, nicht so! Nicht die Festplatte abschleifen und alles blockieren. Stirb wie jedes normale Programm, trag´s mit Fassung. Das darf ja nicht wahr sein! Na gut, wart´ ich halt noch 5 Minuten, bis ich abschalten kann. Das blöde ist nur, daß diese 5 Minuten für einen vernünftigen Schluß im nächtlichen Helsinki-Report-Artikel fehlen werden, sodaß es mitten darin plötzlich heißen wird: Und aus!

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