Der Helsinki-Report  

 
Stockholm

Ich könnte es mir ja jetzt einfach machen und im Ansichtskartenstil "Grüße aus Stockholm - schöne Stadt - große Schiffe - usw." schreiben. Doch da ich von einer treuen Leserin des Helsinki-Reports (?Que tal, Martina?) schon gerügt wurde, die Redaktionsarbeit zu vernachlässigen, bin ich Euch wohl etwas mehr schuldig...

Eigentlich sollte ich ja noch gar nicht daran denken, mit dem Schiff nach Stockholm zu fahren. Meines zarten Alters wegen darf ich ja noch nicht einmal die kleinen Schiffe ins kleine Tallin (am Wochenende) benutzen - siehe (K)Ein Ausflug nach Tallin. Woher also den Optimismus nehmen, mit der Riesenfähre eine halbe Ewigkeit lang ins große Stockholm fahren zu dürfen? Ich war ja nach dem Tallin-Erlebnis ohnehin ein Häufchen jungen Elends... Doch die Shopping-Wut einiger Helsinkerinnen kann viel bewirken. Man soll nur nicht glauben, vier Helsinkerinnen, die fest entschlossen sind, einen Shopping-Trip nach Stockholm zu machen - und dabei freundlicherweise gleich ein paar vegetarische Ausländer dorthin mitzuschleppen -, ließen sich durch Lächerlichkeiten wie Alterslimits abhalten. Vielleicht war ich ja beim letzten Mal nur zu zaghaft - jedenfalls hat diesmal Susanne die Organisation übernommen, und siehe da, ich durfte aufs Schiff. Fragt mich nicht, wie so das geschafft hat - ich kann's ja selbst kaum noch glauben. Übrigens: Damit ist der Silja Line - Strafboykott keineswegs aufgehoben! Wir waren mit Vikingline unterwegs. Ist nämlich eh die bessere Gesellschaft. Also, falls einer von Euch mal hierherkommt: immer nur die roten, niemals die teuren, faden, blau-weißen Fähren benutzen!!!

In der Vikinger-Flotte habe ich nun meine klaren Favoriten: Gabriella! Ein geniales Schiff. Zehn Decks hoch. Zumindest von unserem Standpunkt aus gesehen. Wer sich nicht unter den Autodecks in den billigsten Kabinen verkriecht, der kann das auch anders sehen (zB 3 Decks hoch, 6 Decks tief). Doch für derart - im wahrsten Sinn des Wortes - gehobenen Einsichten sind Studenten wohl nicht geboren. Dafür können wir uns darüber freuen, die ganze Fahrt (Helsinki-Stockholm- Helsinki) zum Preis von zwei Tageskarten der Wiener Linien bekommen zu haben... Und dabei sei gesagt: eine Fahrt dauert zwar nicht viel kürzer, als wenn man in Wien auf einen Bus wartet, dafür ist alles "on board": Von der Dusche selbst in den billigsten Kabinen angefangen über Sauna, Swimmingpool, Spielraum für Kinder (ja, plötzlich war ich zu alt...), Spielautomaten für die anderen, die ihren Spieltrieb noch nicht ausgelebt haben, Bars, Restaurants, Disco, Geschäfte,... Und dazu - je nach Tageszeit - herrliche Kulissen von "Sonnenaufgang in der Insel-Landschaft vor Stockholm" über "Nacht am Meer" bis zu "Eisschollen vor Helsinki".

Eines ist klar: die ganze Sache muß auch irgendwie finanziert werden - und schon bald war klar, wie: Ein Duty-Free-Shop (eigentlich ein ganzer Supermarkt, um genau zu sein), Spielautomaten und - wir sind in Skandinavien - billiger Alkohol. Damit lassen sich hier auch 100 Meter lange, 10 Decks hohe Ungetüe auf wirtschaftliche Art und Weise durch die kalten Fluten bewegen. Eine ungefähre Ahnung davon, wieviel der berauschenden Substanz in der Nacht die trockenen Kehlen hinunterfließt, bekommt man, wenn man zeitig in der Früh (5:30 nach schwedischer Zeit) den Sonnenaufgang im Freien genießt und danach zwischen den Betrunkenen, die ihren Weg nicht mehr in die Kabine gefunden haben, zum Frühstück balanciert.

Zur Fahrt gibt's eigentlich sonst nicht viel zu sagen - einige störende Geräsche hie und da. Etwa der Betrunkene, der um 5 Uhr in der Früh wie besessen an die Tür hämmert und uns im bestem Finnisch, zu dem er noch imstande war, mitteilt, daß sein Freund tot ist und er jetzt jeden erschießen wird... Oder die Soundkulisse, als wir uns bei der Rückfahrt Helsinki nährern, die an Riesenpumpen und ans Schiff schlagendes Eis erinnert - udn nicht nur erinnert. Irgendwie scheint's, als ob wir der Oscarverleihung doch nicht ganz entgangen sind. Der Titanic-Sound war unüberhörbar! Aber die Kabinen auf Meereshöhe haben auch akkustische Vorteile: dank der zwei Autodecks über einem hört man in der Früh keine Duschen, keine Toiletten usw. ...

Stockholm selbst war dann die Reise wert: In Finnland ist es unmöglich, für 120 Schilling zu einer annähernd so genialen Stadt zu fahren. (Ob's überhaupt möglich ist in Finnland - ich hab begonnen, da meine Zweifel zu haben.) Die wichtigsten Eindrücke:

1. Superkomplizierte dreidimensionale Holzpuzzles. Da ich eh zu blöd dafür bin, hab ich erst gar keines gekauft und so einen Haufen Geld gespart. (Wenn ich nur wüßte, wo das jetzt ist!)
2. Superteure öffentliche Klos. Unter 5 Schilling gibt's gar nichts. Es sei denn, man ist Mann und muß gar nicht so viel, daß die Investition gerechtfertigt wäre. Dann darf man sich in einen 1m langen, 2 Meter breiten Raum hineinzwängen und hoffen, daß niemand die nicht versperrbare Tür öffnet, während man tut, was man tun muß.
3. Superwetter: plus 7 Grad und Sonne. Wer das nicht zu schätzen weiß, hat noch nie einen Winter in Finnland verbracht.
4. Supergeniales vegetarisches Restaurant. Eat as much as you can - nur kein Fleisch. Dem Helsinki-Report eine Empfehlung wert! Jedoch niemals von dem weißen etwas probieren, das wie Schafkäse ausschaut und grauslich wie Salz schmeckt!!! Ansonsten kulinarisch einwandfrei.
5. Eine Altstadt wie in Salzburg - allerdings ohne Mozart. Komisches Gefühl!
6. In jedem Park mindestens eine Statue, an jeder Ecke mindestens ein Park. Eindeutig zuviel Konkurrenz für Bildhauer!
7. Keine architektonischen Fehlgriffe von Alvaro Aalto, dem doch nicht so unfehlbaren Meister finnischer Architektur. (Diese These stellt einer auf, der tagtäglich die Helsinki University of Technology nicht nur von auß sehen, sondern auch von innen aushalten muß!)

Wer mehr wissen will, kann an einer der zahlreichen Diashows teilnehmen, die "Der Helsinki-Report" ab Ende Mai / Anfang Juni in Österreich veranstalten wird. Genaueres wird rechtzeitig bekanntgegeben. Sondervorführungen für Gruppen und Einzelpersonen sind auf Anfrage möglich - nähre Auskunft per email.

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