Der Helsinki-Report |
(K)Ein Ausflug nach Tallin
Unglaublich, was hier so alles geschehen kann. Wirklich unglaublich. Ich musz der ganzen Geschichte vielleicht eine kleine Gegebenheit vorausschicken, die schn zwei Jahre zurückliegt. Damals war ich auf "meinem" Schulball. Es hat mich eine Schülerin begrüszt, der ich einige Zeit Nachhilfe gegeben habe. Wir haben uns ein wenig unterhalten - und ich habe mir nichts dabei gedacht. Doch nach dem Gespräch wurde es mir plötzlich bewuszt: Ich, der ich vor - wie mir damals gescheint zu haben scheint - nicht allzu langer Zeit diese Schule beendet habe, treffe am Schulball plötzlich eine Schülerin, die fünf oder sechs Jahre jünger war als ich! (Und vermutlich hat sich das nicht geändert.) Bin ich wirklich schon so alt???
Zeitsprung. Wir schreiben das Jahr 1998. Ort der Handlung: Helsinki, Mannerheimintie 2, Geschäftstelle von Silja Line. Mir gegenüber eine Angestellte und ein Computer. Ich hingegen ganz alleine. Eine Kommunikation entsteht. Ich beginne mutig mein Anliegen vorzutragen: gemeinsam mit zwei Freunden (einem Finnen, einem Franzosen/Kanadier) möchte ich am Samstag mit dem Schiff nach Tallin fahren. Ja, wir hätten bereits eine 3er-Kabine reserviert. Bitte schön, auf diesem Zettel stehen alle Namen und die Geburtsjahre. Ja, auch die Reservierungsnummer ist drauf.
Zunächst nur Tipp-tipp-tipp als Reaktion. Doch dann wird per menschlicher Stimme zurückkommuniziert: Ist dieser Dritte hier, dieser Gerald Karner, bereits 23? No, denke ich, schau an! Wie sich die Leute für mich interessieren. Also lasse ich meine Gesprächspartnerin nicht länger im Unwissen und oute mich als ein immer noch 22jähriger Gerald Karner, eines Wesens mit jenem, der am Samstag in der reservierten Kabine anwesend zu sein gedenkt.
Und jetzt kommt's: "Das tut mir leid, das geht nicht. Wir haben Altersvorschriften..." Ich denk' mir noch nichts Böses, während sich die Angestellte eine Mappe nach der anderen durchwühlt - wie sich herausstellte, auf der Suche nach der internationalen Staatenkennung für Österreich. Also frage ich nach: "Wie bitte?"
Und jetzt kommt's noch besser: "Am Wochenende dürfen Jugendliche unter 23 Jahren nicht alleine auf der Fähre fahren. Aber Moment: Ist dieser Finne hier schon 30?" Ja, mein finnischer Freund erfüllt diese - hoffentlich hinreichende - Bedingung.
Und jetzt kommt der Überhammer: "Gut, dann können Sie mit ihm das Schiff benützen, wenn Sie mir eine schriftliche Einverständniserklärung ihrer Eltern bringen."
Ich versteh' die Welt nicht mehr. Bin ich jetzt alt oder jung? Bin ich noch nicht fähig, am Wochenende Schiff zu fahren? Belustigung, Verzweiflung, Entsetzen, Selbstzweifel sowie kleinere Identitätskrisen lassen mein Gesicht einen anscheinend mitleiderweckenden Ausdruck annehmen. Die mütterlichen Instinke der blonden Angestellten erwachen, und in liebenswerter Weise fügt sie hinzu: "Aber wenn Sie am Freitag losfahren, ist es kein Problem..."
Also, fassen wir zusammen: Ich bin alt genug, um mich am Schulball uralt zu fühlen. (Na ja, alt halt, oder nicht mehr ganz taufrisch oder wie auch immer.) Ich bin alt genug, um ein Jahresticket für eine Flug nach Finnland und zurück zu kaufen. Ich bin alt genug, um beim österreichischen - und wahrscheinlich auch jedem anderen - Heer einzurücken. Ich bin alt genug, um wählen zu dürfen. Sogar die Kerzen auf der Geburtstagstorte darf ich schon selber anzünden und wieder ausblasen - und das, obwohl sie immer mehr werden. Aber ich bin zu jung, um mit einem Schiff von Silja Line am Wochenende nach Tallin zu fahren. Bravo!
Doch das ist ja noch gar nicht alles. Mal angenommen, ich hätte eine schriftliche Einverständniserklärung meiner Eltern (!!!) rechtzeitig bekommen. Oder ich wäre schnell genug gealtert (was immer noch wahrscheinlicher ist als eine Änderung derart unterhaltsamen Regelwerks). Dann hätte ich die Tickets kaufen dürfen. Also angenommen, Schritt 1 wäre gelöst.
Das führt uns direkt zu Schritt 2: Ein Visum bekommen. Für ein Visum nehme man
1. die Schiftickets (klar, wir haben angenommen, die hätte ich jetzt)
2. ein Paszphoto (ich nehme jetzt einfach an, ich wäre sogar in Finnland alt genug, um
eines machen zu lassen.)
3. den Reisepasz (ja, habe ich definitiv!)
4. eine Reiseversicherung...
Sehen wir uns 4. genauer an. Überlegen wir: einen Tag in Tallin - und das ist nur legal mit Reiseversicherung. Na ja. Aber gut, dann gehen wir eben einfach zu einer Versicherung und schlieszen eine Reiseversicherung für einen Tag ab. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten:
Alles klar? Ich glaube, dies ist die beste Stelle, Euch wieder einmal um Email zu bitten. Gute Vorschläge, wie man hier ein plötzlich frei gewordenes Wochenende verbringen kann, bitte unter dem Subject: "(K)Ein Wochenende in Helsinki" bis spätestens sehr bald an gkarner@cc.hut.fi mailen. Alle Einsendungen nehmen an einer groszen Schluszverlosung teil - der Siegervorschlag wird wie immer in "Der Helsinki-Report" veröffentlicht. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Mitglieder von Silja Line sowie deren Angehörige dürfen an der Verlosung nicht teilnehmen.